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Wir wollten das Projekt gegen die Wand fahren, aber die Wand war nicht stabil genug. - Deichkind

Am äußersten Rand von Hamburg gründen die Rapper Malte Pittner, Philipp „Kryptik Joe“ Grütering und Bartosch „Buddy“ Jeznach 1997 die Band Deichkind. Bereits kurze Zeit später unterschreiben sie ihren ersten Plattenvertrag, denn deutschsprachiger Rap ist zu dieser Zeit so gefragt wie nie. Während der Arbeiten an ihrem Debütalbum nehmen sie ihren Produzenten Sebastian Hackert als festes Mitglied in die Band auf und für die Live-Auftritte engagieren sie außerdem DJ Phono (bürgl. Henning Besser), der schon damals durch ungewöhnliche Showelemente auffällt. Mit den Alben Bitte ziehen Sie durch (2000) und Noch fünf Minuten Mutti (2002) feiert die Gruppe zwar kleinere Erfolge in den Charts, aber sowohl im Mainstream als auch in Szenekreisen kommen sie über eine Außenseiterrolle nicht hinaus.

Das Album Aufstand im Schlaraffenland (2006) entsteht aus einer Antihaltung heraus und aus dem heimlichen Wunsch zu scheitern. Die Band ist pleite, die Stimmung ist schlecht und die Platte wird überhaupt nur fertiggestellt, weil es laut Vertrag noch einen Vorschuss bei der Plattenfirma abzugreifen gibt. Malte Pittner hat das Projekt zu diesem Zeitpunkt aufgrund privater Differenzen bereits verlassen. Der Rest der Truppe plant die Band in einem letzten großen Exzess aufzulösen. Musikalisch grenzen sie sich von ihren HipHop-Kollegen ab und erfinden ein eigenes Genre zwischen Ballermann Techno und Parolengesang. Sie nennen es schlicht und einfach Tech-Rap. Auch der Stil der Konzerte ändert sich drastisch. Den Anstoß dazu bringt ein Auftritt, den alle in der Band für ihren letzten halten. Als sie hinter der Bühne zufällig eine Rolle Müllsäcke finden, entschließen sie sich kurzerhand daraus Fuck-Off-Bühnenoutfits zu machen. Sie schneiden Löcher für Arme und Kopf hinein und stülpen sich die Säcke über. Aus den Resten machen sie sich Masken, Gürtel und Stirnbänder. Das Publikum bleibt an diesem Abend etwas verstört zurück. Die Band hingegen fühlt sich ungewohnt frei.

Die darauffolgende Tour dauert zwei Jahre. Ohne Müllsack-Verkleidung wird kein Auftritt mehr absolviert. Zusätzlich zu den Müllsäcken gehören nun auch Tetraeder-förmige Helme aus Pappe zum neuen Look der Band. Triste Künstlergarderoben und der Mangel an Perspektive veranlasst Deichkind dazu alle Ausschweifungen auf die Bühne zu verlagern. Der eigene Untergang wird öffentlich ausgelebt und zwar mit einer Energie, die Band und Fans gleichermaßen wie die Motten ans Licht zieht.

Anfänglich sind die Showeffekte noch denkbar einfach und passen in eine einzige rote Metallkiste aus dem Baumarkt. Jedweder Konsumschrott wird angeeignet und verwertet. So kann es zum Beispiel passieren, dass einer mit einem Telefon auf seinem Kopf oder ein anderer mit einer Topfpflanze um den Bauch gebunden die Bühne betritt. Bald finden auch Sprungfedern, Trampoline, Fitnessgeräte oder ganze Hüpfburgen Platz in der Inszenierung. Man feiert eine Art Kindergeburtstag für Erwachsene.

Die Verschleierung der eigenen Identität erfüllt dabei gleich mehrere Zwecke. Zum einen entsteht für die Zuschauer eine Projektionsfläche jenseits von Persönlichkeiten und Starkult. Zum anderen haben die Verkleidungen und Masken eine befreiende Wirkung. Hemmungen lösen sich und alles Unangenehme kann ausgehalten und in Schubkraft umgewandelt werden.

Aufgrund der schlechten körperlichen Kondition der Bandmitglieder und dem spärlichen neuen Repertoire dauern die Konzerte zunächst höchstens 40 Minuten. Die Schockstarre des Publikums hält dabei in der Regel bis zur Hälfte des Konzerts an und verflüssigt sich in den letzten 20 Minuten in einen Zustand kollektiver Ekstase.

Für die Band besteht der Arbeitsalltag aus dem ständigen Erforschen der eigenen Grenzen. Jeden Abend ein bisschen doller, jeden Abend ein bisschen nackter. Es ist ein einziges selbstzerstörerisches Freidrehen, bei dem die Performer am Ende oft nur noch in Unterhosen auf der Bühne stehen, mit Müllsack-Resten, die ihnen wie Hautfetzen von den verschwitzten Gliedern herunterhängen. An den darauffolgenden Morgen lecken sie sich im VW Bus ihre Wunden. Die Fahrt ins nächste Kaff wird zur Gruppentherapie-Sitzung.

An die 200 Konzerte pro Jahr ist die Bilanz und bald kennen die Bandmitglieder jeden Autobahnkilometer im deutschsprachigen Raum. Irgendwo am Straßenrand lesen sie den Bassisten Sebastian „Porky“ Dürre auf, einen alten Schulfreund, dem man das Angebot macht, er könne die Band begleiten, solange er unter seinem Müllsack keine Unterhose trägt. Porky, der bei zahlreichen Gesichts-Mucker-Jobs in der Schlagerindustrie schon so einiges durchgemacht hat, willigt ein. Er wird fortan, als sogenannter Performance-Sklave, in die hinterste Bühnenecke auf ein Trampolin gestellt, ohne Kabel für seinen Bass.

Mit der Zitze entsteht ein erstes eigenes Bühnenelement, eine Art überdimensionale Zapfanlage aus Pappmaché, Maschendraht und Holz. Die Bandmitglieder bauen dieses Gerät in Eigenregie. Über logistische Probleme wie Brandschutzgesetze oder Transportbedingungen schert sich keiner von ihnen. In der Folge kriegen sie das riesige Ding zunächst nicht einmal durch die Tür des Lagerraums, in dem sie es gebaut haben, nur um dann festzustellen, dass es auch nicht in den Kleinbus passt, mit dem sie unterwegs sind. Diese Fehler entpuppen sich als entscheidende Schritte in der Professionalisierung einer Do-It-Yourself-Mentalität, die zu einem enorm wichtigen Bestandteil ihrer künstlerischen Identität wird.

Bald muss für jede Show ein Sofa vom Veranstalter gestellt werden, das am Ende des Konzerts gemeinsam mit dem Publikum kurz- und kleingehauen wird. Vorher werden die Zuschauer über das selbstgebaute Schlauchsystem der Zitze rituell mit hochprozentigem Alkohol versorgt. Was bei all dem Trubel beinahe untergeht ist die Tatsache, dass der Titel Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah) allmählich zum größten Hit der Band avanciert. Die Textzeile „Deine Eltern sind auf einem Tennisturnier“, die den Song eröffnet, fängt den Zeitgeist einer ganzen Generation von feierwütigen Jugendlichen ein und tönt bald regelmäßig und lautstark aus den Boxen der Studenten-Partys und Abi-Bällen des Landes.

Auch die Zahl der Konzertbesucher steigt von Woche zu Woche stetig an, was zu einem breiten Spektrum an neuen Fans führt. Die Band scheitert nun immer klarer an dem Versuch das Scheitern in Gänze auszukosten. Die Konzerte werden zu Happenings, die Rapper zu Performern, und sogar das Feuilleton nimmt neuerdings Notiz von Deichkind. Während sich Kritiker bisher nicht einmal die Mühe gemacht hatten, mit Tomaten nach der Gruppe zu werfen, titulieren sie sie nun als „Gesamtkunstwerk“ oder „Phänomen der Gegenwart“. Es entsteht ein Widerspruch, der die Wahrnehmung von Deichkind in der Öffentlichkeit entscheidend prägt; eine Schere, die in den darauffolgenden Jahren immer weiter aufgeht. Es ist der Widerspruch zwischen sinnloser Spaßkultur und gesellschaftskritischer Kunstperformance, den Deichkind wie keine andere Band in sich vereint. Auch intern spalten sich die Bandmitglieder in zwei Lager, die Dinkels und die Kapitalos. Während sich die einen mit Kunstbegriffen wie Dadaismus, Fluxus oder Ready-Made auseinandersetzen und ihre Brötchen beim Bio-Bäcker kaufen, wollen die anderen in PS-starken Schlitten auf Tour fahren, veranstalten an der Raststätte McDonalds-Wettessen und denken darüber nach, wie sie in Zukunft möglichst viele Platten mit Saufschlagern verkaufen können. Die Ambivalenz innerhalb der Band wird zu ihrer größten Probe und gleichzeitig zu ihrer größten Stärke. Sie diskutieren ihre unterschiedlichen Ansichten öffentlich in Interviews und kritisieren sich dabei gegenseitig scharf. Einig sind sich in einem Punkt aber alle, egal, ob dem einen die Musik nicht passt oder einem anderen die Outfits peinlich sind, in keiner anderen Band wären sie lieber. Die exzessive Phase von Aufstand im Schlaraffenland beginnt immer gefährlichere Ausmaße anzunehmen. Bei einem Konzert im Hamburger Schauspielhaus kommt es zu mehreren verletzten Bühnenperformern und zu diversen groben Verstößen gegen die Hausordnung des Theaters, was zu einem lebenslangen Hausverbot führt. Zum Höhepunkt kommt das Ganze schließlich beim Melt Festival. Die Grenze zwischen Band und Fans verschwimmt hier beinahe gänzlich, als hunderte Zuschauer bei der Zugabe, angestachelt von der Band, die Bühne stürmen. Die Bühne sackt ab und droht unter der Traglast zusammenzubrechen. ZuschauerInnen und Musiker kommen mit dem Schrecken davon. Deichkind erhalten vorläufiges Auftrittsverbot und müssen am selben Abend bei der Abreise noch feststellen, dass obendrein ihr gesamtes Equipment gestohlen wurde. Die restlichen Konzerttermine müssen ohne den angesammelten Kindergeburtstag abgehandelt werden. In der Band kommen erste Zweifel an den Perspektiven des selbst auferlegten höher-schneller-weiter Prinzips auf und man beginnt über eine Neuorientierung nachzudenken. Kurze Zeit später gibt Gründungsmitglied Buddy seinen Ausstieg bei Deichkind bekannt. Er kann und will nicht mehr. Ende 2008 veröffentlichen Deichkind ein neues Album mit dem Titel Arbeit Nervt. Neben Philipp Grütering agiert Bassist Porky hier zum ersten Mal als Vollzeit-Rapper und maßgeblicher Co-Autor der Songs. Er sieht sich vom Schicksal in die erste Reihe geprügelt und stellt sich der ungewohnten Aufgabe, wie ein erschrockenes Reh im Scheinwerferlicht. In den Texten bedienen sich Philipp und Porky des Vokabulars der Leistungs-Verweigerer und Druffis und perfektionieren so das Spiel mit den Albernheiten, im Dienste einer höheren Wahrheit. Es kommt zu weiteren personellen Veränderungen. Aussteiger Buddy wird durch Ferris Hilton ersetzt und die frisch angeheuerten Roadies werden kurzerhand in Müllsack-Kostüme gesteckt und als Tänzer eingespannt, das spart Platz im Tourbus. Erste Anzeichen von Unternehmensstrukturen bahnen sich an. Philipp und Sebi leiten die Abteilung Musikproduktion und kümmern sich weitgehend um alles Geschäftliche. DJ Phono wird umgetauft in La Perla und hechtet als Actionboy über die Bühne. Zusätzlich ernennt man ihn zum Regisseur der Live-Auftritte und Bauleiter der Kulissen. Der anarchische Charakter der Konzerte wird jetzt nicht mehr wahllos und aus dem Rausch heraus improvisiert, sondern bewusst in Szene gesetzt. Die Inszenierung ähnelt einem Theaterstück, mit Bühnenbild, Dramaturgie und Kostümwechseln. Zusammen mit einem befreundeten Ingenieur wird eine neue Zitze entwickelt. Das futuristisch anmutende Gebilde, eine Mischung aus UFO und Showtreppe mit zwölfseitiger Aufbauanleitung, wird zentraler Bestandteil der neuen Tournee-Kulisse. Die Tetraeder-Helme, inzwischen Markenzeichen von Deichkind, werden mit funkgesteuerten LEDs ausgestattet. Außerdem kommen Bungee-Seile und Schlauchboote zum Einsatz, in denen sich die Performer über die Menge tragen lassen. Ein Transportunternehmen muss beauftragt werden, damit das Equipment an die Spielorte gelangt. Die rote Kiste, in der einst die gesamte Ausstattung befördert wurde, ist jetzt nur noch aus nostalgischen Gründen Teil der Ladung.

Im Frühjahr 2009, als der erste Abschnitt der Arbeit Nervt-Tournee erfolgreich abgeschlossen ist und die Verkaufszahlen eines Deichkind Albums zum ersten Mal mehr als ansehnlich sind, kommt es zu einem Schicksalsschlag, der die Band in ihrem Fundament erschüttert. Produzent Sebastian Hackert, von den Bandkollegen „Papa“ genannt, stirbt im Alter von nur 32 Jahren völlig unerwartet in seiner Hamburger Wohnung. Er hinterlässt eine enorme, nicht zu schließende Lücke. Die übrigen Bandmitglieder lassen zunächst offen, ob die Band ohne ihn bestehen bleiben kann.

Drei Jahre später, im Februar 2012, kehren sie zurück, um endgültig den Mainstream zu erobern. Das Album Befehl von ganz unten (2012) schafft es auf Platz 2 der deutschen Charts und erreicht Platinstatus. Die Singleauskopplungen Bück Dich Hoch und Leider Geil werden zudem mit Gold ausgezeichnet, wobei sich Letztere dermaßen in den Medien verbreitet, dass der Slogan Leider Geil in den allgemeinen Sprachgebrauch der Deutschen, Österreicher und Schweizer übergeht. Das nachfolgende Album Niveau Weshalb Warum (2015), das erstmals auf dem selbstgegründeten Plattenlabel Sultan Günther Music erscheint, toppt den Erfolg des Vorgängers sogar noch und wird Deichkinds erstes Nummer1-Album.

Die Band nutzt ihren Erfolg, um sie sich immer wieder öffentlichkeitswirksam in unterschiedliche Debatten einzuschalten. Sie thematisieren in ihren Songs zum Beispiel den Streit um das Urheberrecht im digitalen Raum und veröffentlichen dazu Musikvideos, die aus ungeklärten YouTube Videos montiert sind. Sie geben ein deutliches Statement zur Flüchtlingspolitik ab, in dem sie auf der ECHO-Preisverleihung mit „Refugees Welcome“-Jogginganzügen auftreten, die sie später zugunsten der Menschenrechtsorganisation PRO ASYL versteigern.

Die Tourneen führen jetzt durch die großen Multifunktionsarenen des Landes. Bis zu 17.000 ZuschauerInnen bestaunen dort jeden Abend ein Spektakel, das seinesgleichen sucht. Auf der Bühne fahren meterhohe Roboter-Säulen, sogenannte Omnipods, zentimetergenaue Formationen. Jeder Song erhält auf diese Weise ein eigenes Bühnenbild. Gebaut und entworfen wurde das alles von der hauseigenen Forschungsabteilung, auch ein Patent wurde angemeldet. Die Punk-Attitüde der Anfangsjahre wird in ein Antiboyband-Konzept umgewandelt, mitsamt Tanzchoreografien und strikt durchgeplanten Abläufen. Ein überdimensionales Fass rollt durch die Menge, eine Sonnenbank wird zur Disko-Bahre umfunktioniert und die Müllsack-Kostüme weichen maßgeschneiderten, monochromen Designer-Outfits. Als Gegenentwurf zu Lady Gagas Fleischkleid entsteht außerdem ein Smoking, der mit Mobiltelefonen besetzt ist.

Oktober 2018: Rampensau Nr.1, Bronchus Pilatus, a.k.a Ferris Hilton verlässt die Band, um fortan auf eigenen Meeren zu segeln. Die übrigen Männer haben noch lange nicht genug. Die ersten Beats für das neue Album klötern schon aus ihren Laptops und ein ganzer Stab fähiger Mitarbeiter recherchiert bereits, wieviele Trucks es überhaupt in Deutschland gibt, damit auch die neue Show sicher zum nächsten Konzert verfrachtet werden kann.

Heute versteht sich Deichkind als gewinnorientiertes Unterhaltungsunternehmen, das unter Verwendung verschiedener künstlerischer Strategien am Austausch über die bestehenden Verhältnisse teilnimmt.

Text: Auge Altona

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